Die Gestalt der verputzten Fassade – Entwurfsmethodik und Materialtransformation im Werk Robert Örleys


Felix Siegrist, Senior Lecturer Dipl.-Arch
Betreuerin: Astrid Staufer, Univ.Prof. Dipl.-Arch.


Putz gehört in der zeitgenössischen Baukultur zu den alltäglichsten und meist eingesetzten Materialien. Die Verbreitung von Putz ist auf seine breite Anwendungsmöglichkeiten und nicht zuletzt auf ökonomische Gründe zurückzuführen. Das Material verfügt über eine Jahrhunderte währende Tradition und die Vielfalt der geschichteten, Außenwandverkleidung ist sehr groß. Putz hat unseren Kulturbegriff von „Stadt“ und „Gebäude“ geprägt und das Wiener Stadtbild wäre heute ohne seine plastischen Putzfassaden kaum zu denken.

In den letzten Jahrzehnten wurde die Anwendung von Putz auf Farbe und Oberfläche reduziert. Dabei sind Oberflächenstruktur, Tiefe und plastischer Ausdruck kaum mehr ein Thema. Die Vielfalt des Materials wird bei weitem nicht ausgereizt und hinterlässt einen Verlust in unserer gebauten Umwelt, den man spätestens bei der Besichtigung von neuen Stadtentwicklungsgebieten deutlich wahrnimmt.

Diese Arbeit will anhand von historischen Beispielen aufzeichnen, wie man Putz plastisch und insbesondere im Hinblick auf die tektonische Gliederung eines Bauwerks anwenden kann. Es werden Bauten untersucht, bei denen die fugenlose gebäudeüberziehende Haut Materialstärke und eine materialgerechte Sprache entwickelt. Auf den ersten Blick scheint es paradox, dem Putz Materialgerechtigkeit zuzuschreiben, da er in der Baugeschichte immer wieder als Material verwendet wurde, das andere Materialien nachahmt. Im Zuge der Abwendung vom Historismus und auf der Suche nach dem neuen Stil sowie den adäquaten Ausdruck für eine zeitgenössische moderne Architektur spielt der Verputz, als Bekleidung, eine wichtige Rolle im Formfindungs-, und Formwerdungsprozess.

Dieser Diskurs fand Anfang des 20. Jahrhunderts im Kreise der Wiener Architekten statt und stellt eine der intensivsten Auseinandersetzungen mit diesem Thema in der Geschichte dar. Die Wiener Putz-Architektur erfährt um die Jahrhundertwende eine Blütezeit aufgrund reger Bautätigkeit und der Konzentration von außerordentlich begabten Architekten. Sie profitiert auch vom handwerklichen Können der in den Städten der Donaumonarchie weitverbreitetsten und traditionsreichsten Bauweise.

Anhand der Bauten Robert Örleys wird ein Spektrum aufgezeigt, vom der durch Architektur ausgeloteten Möglichkeiten, die sich intensiv mit den Eigenschaften von Putz und dessen materialtechnischen und plastisch-gestalterischen Qualitäten auseinandergesetzt haben. Das Werk dieser wichtigen Figur der Wiener Moderne, der in Vergessenheit geraten ist, synthetisiert den zeitgenössischen Diskurs zu Beginn des Jahrhunderts. Wie kein anderer Architekt war Örley mit allen den Zeitdiskurs prägenden Theorien vertraut. Bereits als früher Verfechter von Café Museum und Haus am Michaelerplatz ergreift er deutlich Partei für Adolf Loos und dessen Auffassungen. Seine frühe Schriften und Arbeiten zeigen auch eine deutliche Nähe zur Wagnerschule. Der Präsident der Wiener Secession, der Gesellschaft österr. Architekten und des Werkbundes stand mit den wichtigsten zeitgenössischen Köpfen, Bewegungen und Vereinigungen in regem Kontakt und konnte, als Autodidakt, stets seine Eigenständigkeit bewahren. Dank seiner handwerklichen Meisterschaft zeugen seine Bauten von einer zeitlosen Beständigkeit. Durch die einzigartige Gestaltungssprache gibt Örley Antworten auf die Gestalt der verputzten Fassade, die in ihrem Erfindungsgeist sich in der Sprache und Typus an bestehendes anlehnen, und diese zu einem neuen Ganzen transformieren. In seiner modernistischen Architekturauffassung verstand er, Zweckmäßigkeit und Tradition in einer lokalen Ausdrucksweise zu vereinen.

Im Fokus steht die Entwurfsmethodik und Materialtransformation im Werk Örleys, und die Frage nach der Übersetzung der verkleideten Wand vom Tischlerhandwerk auf die verputzte Fassade. Die gewählten konstruktiven Ausformulierungen dienen als Inspirationsquelle und bilden eine Grundlage zur Neuinterpretation und Weiterentwicklung der Materialanwendung unter heutigen Bedingungen.