Grundsätzliches zur Lehre

Forschendes Entwerfen. Die Lehre der Architektur steht im Spannungsfeld zwischen der Entwicklung von Kreativität und dem Aneignen von überliefertem Wissen. Da die Abteilung Hochbau und Entwerfen aufgrund des Lehrplanes einen starken Fokus auf die Grundausbildung des Architekturstudiums legt, setzt sich das pädagogische Konzept wesentlich mit diesen beiden Polen auseinander.

Vergegenwärtigt man sich, dass Jahr für Jahr an die 700 junge Menschen ihre ersten Eindrücke, Prägungen, Urteile und auch Vorurteile im Studienanfang recht rasch gewinnen, so ist es uns ein großes Anliegen, dass dieser „erste Eindruck“ von Architektur ein positiver – und auch ein realistischer wird.

Das Lehrgebäude, das vor dem Hintergrund dieser Zielsetzung laufend in Entwicklung begriffen ist, orientiert sich entlang der drei Tätigkeiten Wahrnehmen – Erkennen – Schaffen. Im Idealfall ordnen sich diese Aspekte in einem dreipoligen und gleichgewichtigen System an und befruchten sich gegenseitig.

Die Entwicklung der Architektur hat seit je einen trägen Charakter, was vom Wesen des Hauses als ein aufwendiges und dauerhaftes Artefakt herrührt. Es gab immer wieder Versuche, diese Trägheit zu überlisten und dem Aspekt des Neuen mehr Dynamik zu verleihen. Durch spontane Genialität tradierte Fesseln zu durchbrechen, ist eine bekannte Verlockung, die auch heute viele Ausbildungsmethoden prägt.

Wahrnehmen – Erkennen – Schaffen. Das Lehrprojekt unserer Abteilung will diese Spontanität nicht unterbinden, ganz im Gegenteil. Sie will den Schaffensdrang angehender Architekten/innen fördern, jedoch indem sie ihn einbettet in den Strom von Kenntnissen, von tradiertem und gegenwärtigem Wissen. Dies nicht nur, um das Neugeschaffene mit Respekt vor dem Alten entstehen zu lassen, sondern um es besser zu verankern und den entstehenden Entwürfen eine realistische Chance zu geben, über das Papier hinaus Einfluss auf die Wirklichkeit zu nehmen. Der Dreiklang Wahrnehmen – Erkennen – Schaffen ist ein Rezept gegen die Beliebigkeit und Unverbindlichkeit. Es werden Lehrgefäße entworfen, die auf möglichst unkomplizierte Weise in der Lage sind, einen Reichtum an Kenntnissen zu vermitteln. Dazu dient unter anderem der Aufbau der Vorlesungsreihen. Sie liefern neben dem Material und der Sprache der Architektur die Erkenntnis des Baugedankens. Ein Entwurf entsteht ja nicht nur aus dem Erfüllen aller gestellten Anforderungen, sondern vor allem aus dem Verständnis heraus, dass die entstehende Form immer in einem Verhältnis zum übergeordneten leitenden Baugedanken steht.

Vorgefundenes und Verwandlung. Die Lehre der Baukonstruktion als rein technische Disziplin, das Lösen von baulichen Details ohne ideellen Hintergrund muss zwangsläufig scheitern. Es sind beide Aspekte, die sich hier stets die Waage halten. In der Architektur seien sehr wenige Erfindungen gemacht worden, sagte Aldo Rossi zu seinen Schülern1. Ganz ähnlich Alvaro Siza, der konstatierte, dass die Architekten nichts erfänden, sondern lediglich die Wirklichkeit verwandelten. Fasst man die beiden Sätze dieser Persönlichkeiten zusammen, so wird schnell klar, dass ohne die Wirklichkeit, ohne vorgefundenes Material auch nichts verwandelt2 und nichts Neues zusammengefügt werden kann. Daher begründet sich unser dringender Wunsch, die Lehre gemeinsam entlang dem beschriebenen Dreiklang aufzubauen, anstatt zu früh eine spontane Genialität auf schwachen Füssen zu fördern. Vorlesungen und Übungen sind daher stark referenziell geprägt. Das Lehrprojekt besteht im Aufbau einer baumeisterlichen Bibliothek im Kopf eines jeden Architekturstudierenden. Nicht dass der anschließende Schaffensprozess, die Umformung des bekannten Materials in einen Entwurf dann von selbst geschieht, aber er gewinnt dadurch immerhin robuste Leitplanken.

In diesem Zusammenhang wird auch der Forschungsbegriff in der Architektur klarer. Die forschende Tätigkeit steht im Verhältnis zwischen gezielter Suche nach schon Erforschtem und dem forschenden Entwerfen neuer Verknüpfungen.

Der Baugedanke. Das aktuell aufzubauende Projekt besteht aus einem Vorlesungszyklus, der den Schaffensprozess, also das Entwerfen, weiter stärken soll: Es ist das Erkennen eines Baugedankens – eine zwingende Voraussetzung, um adäquate Entwurfsentscheide fällen zu können. Welche Energie ein Baugedanke freisetzen kann, lässt sich am Beispiel der Gotik exemplarisch aufzeigen. Mit der Wahl von alten Konstruktionen scheint es uns nebenbei auch äußerst wertvoll, dass heutige Studenten/innen Bauweisen vergangener Epochen lesen lernen. Und so lernen sie etwa in der Gotik den Transformationsprozess vom Baugedanken zur Baukonstruktion kennen. Wenn also Abt Suger von St. Denis das verkürzte Bibelzitat «Gott ist Licht» in den Mund gelegt wird, womit er die Baumeister zu der konstruktiven Höchstleistung anspornte, die romanische Wand zu zerschlagen, um dann den lichten Skelettbau herbeizuführen, dann kann dieses Beispiel durchaus auch andere, sogar konträre Formideale zum Leben erwecken. Wenn es nun darum geht, eine Wandkonstruktion oder einen Dachrand konstruktiv zu erklären, dann ist es zweifellos sinnvoll, auch hier den Baugedanken zu kennen. So ertragen denn etwa dahinterliegende kubistische Ideale auch nicht alle naheliegenden technischen Lösungen, und es ist interessant zu verfolgen, unter welchen formalen und konstruktiven Zwängen schon die einschlägig bekannten Vertreter der Moderne gelitten haben.

Erfahrung und Erfindung. Der Schlüssel ist das Lernen von den Erfahrungen anderer, gepaart mit der Gewissheit, dass nicht jeder Strich eine geniale Neuerfindung ist, sondern dass er sich einreiht in eine kollektive Tätigkeit, die eine mehr oder weniger bekannte Vergangenheit und eine zu erforschende Zukunft hat. Denn die Bauweisen wandeln sich, selbst bei konstantem Baugedanken.

«L’architecture est l’art d’organiser l’espace. C’est par la construction qu’il s’exprime.»3 Nimmt man diesen Satz von Auguste Perret wörtlich, so wird schnell klar, dass durch die technische Wandlung stets auch die Ausdrucksfähigkeit der Bauglieder neu überprüft werden muss.
Raum schaffen durch entwerfen, Gestalt herstellen durch Konstruktion – unter diesem Leitgedanken arbeiten wir an der Weiterentwicklung der Lehrgefässe.


1 Gemäss Bericht von Heinrich Helfenstein, 1972-1974 Assistent der Gastprofessur Aldo Rossi an der ETH Zürich
2 Zitiert nach: Kenneth Frampton, Grundlagen der Architektur. Studien zur Kultur des Tektonischen, München 1993, S. 29
3 Auguste Perret, «Contribution à une théorie de l’architecture», in: Das Werk, 1947, Heft 2, S. 54